Kai Keiler in Fabelhaft (Kai in Fabelhaft 1) von Kristine Tauch (4,3 Sterne)

Das Buch

In dem Buch geht es um ein Wildschwein, Kai Keiler, das an einem Ort namens Fabelhaft lebt.

Der Ort hieß so, weil es dort ganz fabelhaft war.

Der spanische Mäuserich, Enrico, macht Kai darauf aufmerksam, dass die Erde in Fabelhaft vergiftet ist. Bald darauf wird in Fabelhaft eine Versammlung einberufen, nach der Kai und Enrico mit einem Suchtrupp losgehen, um herauszufinden, was dagegen getan werden kann.

Während die anderen Bewohner aus Angst vor dem Gift würgenden „Wurm“ wegrennen, erleben Kai und Enrico ein großes Abenteuer. Zusammen mit Professor Flocke und der Fliegenden Holländerin versuchen sie, eine Umweltkatastrophe, die das Ende von Fabelhaft bedeuten würde, zu verhindern.

Warum ich das Buch gelesen habe

Ich habe das Buch bei der goodreads giveaway Aktion bekommen. Dafür bedanke ich mich und möchte mich gerne mit einem Kommentar revanchieren. Vielen Dank auch an die Autorin für die nette Notiz!

Die Idee

Eine Umweltkatastrophe, ausgelöst durch den giftigen Rauch einer Plastikfabrik und dramatisiert durch deren drohende Explosion, ist ein sehr aktuelles Thema und man kann wahrscheinlich nie früh genug anfangen, Kindern von den Gefahren zu berichten.

Mehr aber noch als das Thema hat mir der Fantasieteil gefallen. Während die Plastikfabrik in Anderswo steht, einer Welt die mit unserer vergleichbar ist, leben Menschen und Tiere in Fabelhaft in Eintracht nebeneinander. Hier wurde eine ganz neue Art der Utopie geschaffen.

Charaktere

Kai Keiler ist der Held dieser Geschichte. Er ist ein tollpatschiges Wildschwein, das stets auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit ist. Er ist nicht sonderlich aufmerksam und ziemlich ängstlich, aber er ist Enrico ein treuer Freund, lässt sich von ihm leiten, und würde ihn niemals in einer Gefahrensituation alleine lassen. Er ist außerdem intelligenter, als er selbst glaubt, was sich in kleinen Nebenbemerkungen zeigt.

Enrico, der Mäuserich mit dem spanischen Akzent. Kai ist sein „Amigo“. Ganz im Sinne des südländischen Temperaments schreckt er vor nichts zurück und meldet sich freiwillig, der Ursache des Gifts auf den Grund zu gehen. Er ist ein wenig zu draufgängerisch und übersieht deswegen das Offensichtliche. Enrico ist das exakte Gegenstück von Kai.

Helena, die schöne Mäusedame, für die Enrico schwärmt. Ich liste sie hier nur auf, weil ich mich frage, ob der Name wohl eine Anspielung auf die griechische Mythologie sein soll. Die schöne Helena, die wegen ihres Aussehens den trojanischen Krieg begann.

Wurmli, der bayrische Bodenspezialist. Er erscheint zwar nur kurz in der Geschichte, hat aber bei mir am meisten Eindruck hinterlassen. Dabei hat er nicht einmal aktiv bei der Beseitigung des Problems geholfen, sondern sich vielmehr nur noch tiefer verkrochen. Wahrscheinlich lag es an seinem herrlich ausformulierten Dialekt.

„Der Bod’n stinkt a so, Pfui Deifi! Weiter unt’n ist’s ned ganz so schlimm […] Von drob’n, mehr woaß I ah ned.“

Ein kleiner Angsthase, der sich bibbernd hinter Sandhügeln versteckt. Er hat nur eine kleine Rolle, ist aber süß.

Hüpfkäfer, die Boten von Fabelhaft. Auch sie haben nur eine kleine Rolle, die Idee finde ich aber großartig!

Professor Flocke mit den flockigen, grauen Locken. Er geht das aufgekommene Problem von einer anderen Seite an, ist aber an der Problemlösung ebenso beteiligt, wie die beiden Tierfreunde. Obwohl seine Beschreibung an Einstein erinnern lässt, ist er nicht ein staubiger, verwirrter Professor, der nur in seinem Büro vor einer Formeltafel sitzt, sondern ein aktiver, verlässlicher Mensch.

Lamo, die Schildkröte und ältester Bürger in Fabelhaft. Er wird bei allem um Rat gefragt und antwortet mit an Vorhersagen erinnernde Gedichte.

Antonio Andersfroh ist der Besitzer der Plastikfabrik in Anderswo, aus deren Turm die giftigen, schwarzen Wolken kommen. Er ist der ultimative Bösewicht. Die Tiefe seiner Pläne und seine Offenheit darüber haben mich tatsächlich etwas überrascht – vielleicht weil man sonst mehr zwischen den Zeilen lesen muss und nicht alles direkt vom Bösen interpretiert bekommt.

Die Fliegende Holländerin, mit ihrem Segelflugzeug. Sie kommt erst gegen Ende des Buchs – ich hätte sie nach der Buchrückseite früher erwartet – bringt aber alle Fäden zusammen, indem sie den Professor zu den Tierfreunden bringt und sie so zusammen die Lösung finden und sich Andersfroh stellen.

Umsetzung und Schreibstil

Der Schreibstil war neu und inspiriert. Während er recht einfach war, dem vorgeschlagenen Alter entsprechend – aber vielleicht selbst hier ein bisschen zu einfach – fand ich den Sprachreichtum wunderbar. Besonders zeigte sich das natürlich bei den verschiedenen Charakteren, dem schüchternen Wildschwein, dem bayrischen Wurm, oder dem spanischen Mäuserich. Auch wenn das gegen Ende etwas nachgelassen hat, und ich den Wurm nur zu gerne noch einmal gesehen hätte, waren die Charaktere definitiv ein Highlight der Geschichte.

Was mir wiederholt negativ auffiel, aufgrund meiner guten Kinderstube, war das Wort „kotzen“. Obwohl ich mich nicht hundertprozentig im Neudeutsch der jüngeren Generation auskenne, denke ich doch, dass dieses Wort nichts in einem Kinderbuch zu suchen hat. Hätte der Wurm nicht schwarze Luft „ausspucken“ oder „ausatmen“ können?

„Hinter dem Grasberg, da… da lebt ein riesengroßer fetter Wurm […] und er streckt seinen Kopf in die Luft und kotzt schwarze Wolken aus!“

Problematisch fand ich die Formatierung des Buchs. Persönlich bevorzuge ich es, wenn jede Person in der direkten Rede eine neue Zeile bekommt. Hier war die direkte Rede mehrerer Charaktere teilweise im selben Absatz. Weil dies aber sehr sprunghaft war, wirkte das Buch gleichzeitig unregelmäßig und verwirrend. Zusätzlich zu den relativ großen Seiten und trotz der großen Schriftgröße sehe ich das als äußerst schwer für den ungeschulten Leser. Außerdem fand ich leider den einen oder anderen Rechtschreibfehler.

[Enrico] bückte sich, nahm etwas Erde in die Hand und streckte sie Kai entgegen. Der verzog angeekelt den Rüssel und blickte Enrico prüfend an.
„Stinkt seltsam. Da stimmt etwas nicht.“

Die Geschichte an sich fand ich sehr gut und vor allem die Problematik sehr zeittypisch. Die Lösungsfindung entspricht genau dem, was ich auch in dem vorgeschlagenen Alter gemocht hätte.

Besonders großartig fand ich den kleinen Held und den großen Feigling. Das zeigt doch, dass Körpergröße nicht alles ist. Der Kleingewachsene muss sich nicht fühlen, als könnte er nichts erreichen, während der Großgewachsene gezeigt bekommt, dass er nicht für die anderen mutig sein muss. Es ist aber auch diese Freundschaft der beiden, die etwas Besonderes ist. Sie ergänzen sich und zusammen sind sie in allen Aspekten am Stärksten.

Die Maus reichte seinem Freund eine Pfote und sprach mit fester Stimme: „Vertrau mir!“

Die Welt, in der Kai und Enrico leben, hat mich unglaublich beeindruckt. Nicht nur wurden viele Besonderheiten dieser Welt hervorgehoben, sie war auch gleichzeitig so einfach und trotzdem erfolgreich. Fabelhaft, so denke ich mir, ist ein wunderbarer Ort zu wohnen. Menschen und Tiere arbeiten friedvoll nebeneinander, sie können miteinander kommunizieren und jeder arbeitet nach seinen Stärken mit. Es geht dort alles sehr gerecht zu und es gibt ein Versammlungshaus, das so gebaut ist, dass alle Bewohner Fabelhafts dort möglichst bequem hin- und hineinkommen können.

Nun ließen Mensch und Tier, Groß und Klein, die Arbeit und das Spielen sein. Alle machten sich auf den Weg zu den Treppen und Aufgängen, hinauf ins Fabelhaus.

Leider hat Fabelhaft eine allzu große geographische Nähe zu Anderswo, die Welt, die mich an unsere eigene erinnert. Die Geschichte sagt uns eindeutig, dass irgendwo da draußen noch eine schöne, gute und friedliche Welt ist, die nicht einmal so weit von uns entfernt sein muss, aber das wir sie mit unserem Tun mehr und mehr vergiften und ins Verschwinden drängen. Wir müssen uns für diese Welt einsetzen, denn wenn nicht, wird jedes Fleckchen Erde so, wie wir sie schon in unserer unmittelbaren Nähe kennen.

[In Anderswo] war alles anders. Es gab viele asphaltierte Straßen und wenige Bäume.

Die Gedichte der Schilkröte waren entsprechend tiefgreifend und haben mich direkt zur Interpretationen inspiriert. Natürlich waren sie sehr klar und offensichtlich in ihrer Bedeutung, trotzdem hat mir das Rätseln bevor ich die Lösung gelesen habe, sehr viel Spaß gemacht.

Weniger zeittypisch fand ich die Religionsanspielung, die gerade in diesen Tagen sehr vorsichtig gehandhabt werden sollte, vor allem in Büchern mit didaktischem Hintergrund. Es erscheint mir als eine sehr europäisch ausgerichtete Geschichte, wenn die Helden „oben um Beistand bitten“. Während ich überzeugte Christin bin, bin ich gleichzeitig für Offenheit und Religionsfreiheit. Da diese Geschichte in einer anderen Dimension spielt, hatte ich mir mehr Offenheit gewünscht.

Mir gefiel, dass das Buch sich nicht scheut, die Durchtriebenheit des Gegners zu zeigen. Andersfrohs Bösartigkeit wird genau beschrieben, er selbst spricht den Grund aus, weswegen er seine Fabrik nicht zu retten versucht.

„Meine Versicherung zahlt mir eine gute Summe im Explosionsfall. Aber, wenn die Fabrik stillgelegt werden muss, wegen Funktionsschäden, dann bekomme ich gar nichts.“

Gleichzeitig wird auch gezeigt, dass (wenn es keine Helden gäbe) das Gesetz machtlos gegen die Reichen ist. Obwohl der Tatbestand klar ist, sieht der Bürgermeister von Anderswo seine Hände gebunden, denn er unternimmt nur das Nötigste, um die Katastrophe zu verhindern, ohne dabei seine Bürger zu informieren oder zu schützen.

„Ich habe zufällig ein Gespräch des Bürgermeisters gehört. Er sagte, es bleiben nur noch 6 Stunden Zeit, bis der Fabrikturm explodiert, mitsamt seiner Chemikalien […] Die Sache wird streng geheim gehalten.“

Ich fand auch sehr schön herausgestellt, wie sehr wir in der heutigen Zeit von der Technik abhängig sind. Anderswo kann nur gerettet werden, wenn ein Zahlencode gefunden und eingegeben wird. Andererseits sind die Menschen und Tiere in Fabelhaft auf dem Feld zugange. Dort gibt es noch eine Simplizität, in der das Leben einfach genossen wird.

„[Den Experten] fehlt jedoch der entscheidende Code, die Zahlenkombination, die in den Steuerungscomputer eingegeben werden muss, um das Unglück noch aufzuhalten.“

Während ich die Lösungsfindung mochte, war ich mir für eine lange Zeit unsicher darüber, was ich von der Bestrafung Antonio Andersfrohs halten sollte. Natürlich hat er es verdient, für seine Taten ins Gefängnis zu kommen und er sollte auch kein Anrecht mehr auf das Geld haben, dass er so schmutzig erworben hat. Was mir Probleme bereitet, ist, dass das Geld an die Bürger von Fabelhaft ging. Was für eine Moral hat das Buch, wenn man für das Retten der Welt und dafür, dass man sich für das Gute einsetzt, eine Belohnung von 45 Millionen Euro bekommt? Für mich liest sich das so, als sollte man für eine gute Tat auch immer eine Belohnung bekommen, wenn eine gute Tat tatsächlich höchstens mit dem Nebengedanken vollbracht werden sollte, sich selbst gut zu fühlen, etwas getan zu haben. Materielle Belohnung zerstört das Bild.

„Buße tun, nennt man so etwas. Der Andersfroh macht damit jetzt mal andere froh.”

Nach dem Lesen

Zwar bin ich keine angehende Lehrerin, aber viele meiner Freunde sind gerade dabei und ich bin drauf und dran ihnen allen dieses Buch zu empfehlen!

„Wenn wir fallen, dann stehen wir einfach wieder auf!“

Bewertung

Idee: 5 Sterne
Charaktere: 5 Sterne
Umsetzung: 4 Sterne
Schreibstil: 4 Sterne
Allgemeine Bewertung: 4 Sterne
Persönliche Bewertung: 4 Sterne

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2 thoughts on “Kai Keiler in Fabelhaft (Kai in Fabelhaft 1) von Kristine Tauch (4,3 Sterne)

  1. Pingback: Goodreads Giveaways 2015 | Annie

  2. Vielen herzlichen Dank für diese ausführliche Auseinandersetzung mit Kai’s Abenteuer! Das zu lesen hat mir den heutigen Tag verzaubert und verschönert.
    Ich entschuldige mich für die Rechtschreibfehler. In der Schulversion habe ich noch einige ausgemerzt, jedoch habe ich mir für dieses Buch leider keine Lektorin geleistet (das will ich in Zukunft anders machen).
    Fabelhafte Grüße
    Kristine

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